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Es ist dieses eine Leben, das man hat. Man bildet sich viel darauf ein. Und hat ebenso viel Angst, um alles Mögliche. Aber eigentlich ist es einfach dies: dieses eine Leben. Nicht dass ich wüsste, was das nun bedeuten soll. Ich habe keine Ahnung. Manchmal streift mich zwar eine im Flug. Aha? Jedenfalls spielt es ums Verrecken keine Rolle, ob die andere denkt, was ich tue, sei schon richtig. Interessanter wäre es auf jeden Fall, zu wissen, was ich selbst darüber denke. Was denke ich? Ach, lass mich doch in Ruh.

Sie streckt ihre Arme in die Höhe, dehnt sie, bis das Ziehen in den Ellbogengelenken, im Oberarm, in den Schultern die elende Spannung, die schon wieder einschiesst, als ob sie extra für sie Tür und Tor geöffnet hätte, hat sie?, einigermassen in Schach hält. Dann lässt sie die Arme wieder sinken. Die Unterarme auf den Tisch, die Hände auf die Tastatur. Als ob sie schon wüsste, was sie nun dringend zu schreiben hat. Aber sie weiss es nicht. Sie schaut sich zu und der Hohn frisst sich köstlich gierig satt an ihrer Ratlosigkeit. Dieses eine Leben. Soso. Als ob damit schon alles gesagt sei. Was hiesse alles? Und was um Himmels willen hiesse Leben? Als ob so Hunderttausendwörter noch zu gebrauchen seien. Aber wie sollte man sonst benennen, was man doch sagen möchte? Wie sollte man sonst reden und nicht ganz und gar verstummen. Was man im Übrigen ja ohnehin hauptsächlich zu tun scheint. Laut kichert die Verachtung. Man möchte doch nur sich selbst und die andern einigermassen aushalten. Versucht sie mit der Stimme der Vernunft das Hohngelächter ein wenig zu dimmen.

Was ihr schlecht gelingt. Schon wieder so ein blöder Anlauf. Der munter begann und im Sumpf endet. Enden? Hopphopp, weiter! Ruft es ihr zu, peitschengleich nah am Ohr vorbei. Aber zu dicht haben sich die Zweifel schon wieder verwoben. Und sie sieht nichts mehr. Sieht nur noch ihr angestrengtes, blödes Starren in das wirre Flockentreiben. Und kann sich nicht mehr helfen. Muss aufstehen, irgendetwas tun. Damit sie nicht ganz preisgegeben dieser infamen Lächerlichkeit.

Sie geht in die Küche, öffnet den Kühlschrank, trinkt einen Schluck Milch aus der Tüte, fischt eine Gurke aus dem Glas, schneidet ein Stück Käse ab, schliesst die Kühlschranktüre. Nimmt ein Glas, giesst Wasser aus der Leitung hinein, trinkt es leer. Öffnet einen Küchenschrank, bricht etwas Schokolade von der Tafel, versucht langsam zu essen, schlingt es aber in sich hinein. Als ob so das Elend gebannt werden könne. Dieser Schlund, dieser bodenlose Abgrund, der im Innern lauert. In dessen Sog man die ganze Zeit gerät. Denkt sie. Und man versucht sich an irgendwelchen nahe liegenden Dingen zu halten, an Dingen, die einem eben gerade zur Verfügung stehen. Gurken, Schokolade. Was könnte sie denn anderes tun?

Sie klappt den Computer zu. Schlüpft in die Regenjacke, zieht die Turnschuhe an und verlässt die Wohnung. Sieht sich zu, wie sie die Treppen runtertrabt, leicht und bestimmt, als ob sie wüsste, was sie tut. Schliesst das Fahrradschloss auf, schwingt sich routiniert und elegant mit dem rechten Bein hinten über den Gepäckträger ziehend auf den Sattel und fährt los. Wohin? Das wird sich ergeben.

 

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