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Wohin soll sie nun fahren? Sie weiss es nicht. Muss sie es denn wissen? Sie muss ja nirgends hin. Als ob nicht ebendies unter anderem ein Problem sei. Das sich nun munter und unverfroren die Richtungsfrage zur Gelegenheit nimmt, sich hämisch ins Fäustchen zu grinsen. Genügt es nicht, dass sie auf dem Sattel sitzt und fährt? Für den Moment? Sie wäre froh, es würde genügen. Sehr froh. Viel wäre schon gewonnen damit. Sehr viel. Wenn man sie fragte, würde sie das auf jeden Fall behaupten, dass es genüge. Ja! Natürlich! Ich fahre einfach so durch die Strassen, kreuz und quer.

 

Jaja, so redet sie, wenn sie gefragt wird, was nicht allzu oft vorkommt. Aber sie weiss selbst, dass es komplizierter ist. Aber als ob man immer alles genau so sagen könnte, wie es ist. Aha? Als ob Sätze Packpapier wären, in das man vage Schwirrendes einfach so einwickeln könnte und dem Nächsten in die Hand drücken. Womöglich noch fein geschnürt. Mit schlüssigen Wendungen. Und der andere brauche es nur aufzuschnüren, auseinanderzufalten das Papier, und schon liege die Chose offen da, sichtbar, unmissverständlich zum Objekt geworden.

 

Aber soll sie jetzt eher links oder eher rechts? Links sieht sie gerade kein Durchkommen, der Bus donnert ziemlich schnell an ihr vorbei. Und sie müsste warten, müsste kurz anhalten, aber das kommt offenbar nicht infrage. Wo führt nur diese Strasse schon wieder hin? Sie weiss, dass sie die schon mehr als einmal entlanggefahren ist. Die Verzweigungen sind ganz schön verwirrend in diesem Teil der Stadt. Als ob man das nicht auch einfacher hinbekommen hätte. So etwas nennt man gewachsene Strukturen. Strukturen? Selbstverständlich. Die gibt es haufenweise, überall, unaufhörlich. Denkt sie, ausser wo nichts ist. Gar nichts, aber wie soll man sich das vorstellen? Nichts ist nicht zu denken, nur als Abwesenheit von etwas, aber dann denkt man ja ans Abwesende und das Nichts bleibt draussen. Wo? Strassen strukturieren die Landschaft, so einfach ist das. Auch die Stadtlandschaft. Strukturen geben Halt, sagt man immer, hat auch sie schon gesagt, vor allem zu sich selbst, aber auch zu andern. Sind Strassen da, um Halt zu geben? Was denkst du wieder für wirres Zeug, denkt sie. Das Grinsen im Hintergrund räkelt sich wohlig in Verachtung. Eine Gruppe Jugendlicher staut sich am Zebrastreifen, warten die noch auf jemanden?, nein sie wollen hinüber, eine hat kurz in ihre Richtung geschaut, als ob sie die freie Bahn für ihre frischfröhlich bestimmten Schritte prüfen wollte. Die scheinen völlig unbeirrt. Wovon? Unbekümmert? Weshalb sollten sie es denn nicht sein? Ach hör doch auf, lass dich doch in Ruh, denkt sie, und hält ziemlich abrupt, die Gruppe zieht angeregt schwatzend an ihr vorbei, masslos wirklich. Denkt sie, sind die. Immerhin, etwas muss ja auch auf diesem Sattel hocken.

 

Strassen führen meist irgendwohin. Man kann auch ruhig immer sagen. Sie scheut sich davor, so absolute Wörter zu gebrauchen, weil meist fällt ihr gerade noch etwas ein, was nicht hineinpasst. Aber hier ist es wohl unbedenklich, denn schliesslich sind auch Unorte Orte. Wege führen von A nach B nach C und so weiter, verbinden sich untereinander oder enden abrupt. Lauter Unterteilungen des Raums, dieser mehr oder weniger gebuckelten, zerfurchten Oberfläche, die sich da um den Planeten spannt. Wobei die Strassen natürlich nur einen Teil des ganzen unterteilenden Gemenges darstellen. So denkt sie mehr oder weniger - unstrukturiert? - dahin, während sie im Übrigen recht sorglos auf dem Radstreifen dahinfährt, nicht wissend, wohin. Sie denkt natürlich auch noch daran, dass es ja neben dem geografischen Raum noch einen andern gibt, zum Beispiel jenen der Erinnerung, also eigentlich der Gegenwart, die sich nach rückwärts wendet, und jenen der übrigen Zeit, der laufenden eben. Wobei sie da ein bisschen hin und her denkt und vor allem an diesem Jetzt hängenbleibt und dass es sich immer dermassen ausdehnt, da fährt sie plötzlich zusammen, weil es hinter ihr laut hupt, sie erschrickt, sieht aber, dass sie doch just akkurat zwischen den gelben Markierungen ihres Radstreifens fährt und ansonsten auch sonst niemandem im Weg scheint. Das Hupen hat wohl gar nicht ihr gegolten. Sie hat vielleicht die Angewohnheit, wer weiss, ein wenig vorschnell sich immer gleich betroffen zu fühlen, wenn es etwas zu reklamieren gibt. Naja. Damit ist sie ja nicht ganz allein. Diese blödsinnige Verunsicherung gegenüber dem eigenen Sein und so weiter. Ob das nun weiterhilft? Muss es denn? Nur weil etwas so ist, wie es ist, und man ebendies festgestellt hat, ist einem noch lange nicht geholfen. Soso, aha? Ach, schweig doch endlich. Lass sie fahren. Sie will ja nur den Wind in den Haaren und das Gebrumme der Autos, Busse, Lastwagen, was weiss ich, links und rechts und die Geschwindigkeit, die eigene und die der andern, die an ihr vorbeirauschen. Ist das so schwierig zu begreifen? Begreifen? Weshalb begreifen? Muss hier jemand irgendetwas begreifen? Reicht es nicht, wenn es geschrieben steht? Ausgeführt in Sätzen. Abgepackt? Gestalt bekommen hat? Schweig!

 

Sie denkt, dass es nun wohl Zeit sei, nach Hause zu fahren, immerhin muss sie doch auch noch andere Dinge tun als Rad fahren. Was? Sie verbittet es sich, diese blöde Nachfrage zu beantworten. Schliesslich weiss sie es doch ganz genau. Aha? Sie hält sich ein wenig fester am Lenker, holt tief Luft und nimmt die nächste Verzweigung, von der sie annimmt, dass sie so möglichst auf geradem Weg nach Hause kommt. Es scheint kälter geworden zu sein, sie schliesst den Reissverschluss ihrer Regenjacke bis ganz nach oben, zieht sich den Kragen übers Kinn bis unter die Nase und tritt heftig in die Pedale. Ein paar Meter vor ihr fährt ein Mann, sie holt ihn langsam ein, er scheint ganz gemütlich unterwegs, sie gibt sich einen Ruck, schaut kurz zurück und überholt ihn zügig. Er schaut sie nicht an, wird sich nichts dabei denken, denkt sie. Dass er nun überholt wird, das wird ihm so was von egal sein. Recht hat er. Als ob die Gedanken sich immer in Blicken äusserten. Die man dann auch noch lesen kann. So ein Quatsch. Schau nach vorn, sagt sie sich, und tut es.

 

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