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Sie sitzt und weiss nicht weiter. Nun ist sie also hier gelandet. In diesem Zimmer, in dieser Kammer. Und muss sich selbst helfen. Als ob sie genau das nicht schon immer getan hätte. Oder zumindest darum bemüht gewesen wäre. Aber nun ist sie allein. Und zwar ganz konkret. Sie sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch, umgeben von ein paar Wänden mit einer Türe. Sie kann jederzeit gehen. Aber niemand wird kommen. Niemand. Niemand wird etwas von ihr wollen. Jetzt. Heute. Natürlich ist es wiederum auch nicht ganz auszuschliessen, dass plötzlich irgendjemand, den sie von ferne kennt oder einmal getroffen hat und dann wieder aus den Augen verloren oder mit der sie letzthin, wann?, irgendwann, vielleicht vor Tagen oder Wochen oder auch Monaten, eine flüchtige Nachricht getauscht hat, nur um gleich darauf wieder in Schweigen zu verfallen, oder die sie von noch viel früher, der Schule zum Beispiel, her kennt oder viel eher gekannt hat, einmal kannte, gut kannte, so glaubt sie, so möchte sie glauben, aber nun schon lange nicht mehr, nie mehr nichts gehört und auch selbst nichts nie mehr von sich gegeben, dass also irgendjemand plötzlich und für sie jetzt, immer jetzt, auch nachher oder wieder nachher, jetzt, ganz und gar unvermutet vor der Tür steht. Oder eine Nachricht schreibt. Sie steht kurz auf, sucht das Handy, wer weiss, vielleicht hat ja jemand bereits geschrieben? Nein. Auch wenn es diese Möglichkeit gibt, die eben gerade beschriebene, so muss sie sich doch sagen, dass das im Grunde nichts daran ändert oder nichts damit zu tun hat, dass sie nun allein ist. Keine Aufgabe hat. Ausser sie stellt sich eine.

 

Was gleichbedeutend ist mit: Niemand schert sich darum, was sie tut. Was natürlich tendenziös ausgedrückt ist, schimpft es ein wenig im Hintergrund, wobei sie nicht recht versteht, was es da zu meckern gibt, denn es stimmt doch? Dass sich niemand darum schert, was sie tut, stimmt ja, muss nicht verschwiegen werden.

 

Was sie im Grunde viel skandalöser findet, ist, dass sie selbst sich nun darum scheren sollte. Das findet sie eine geradezu monströse, groteske Tatsache. Findet sie im Grunde ganz und gar unerträglich. Wie um Himmels willen sollte sie etwas für dieses Wesen ausserhalb der andern tun? Wie um alles in der Welt, denkt sie, sollte sie den Ernst aufbringen, sich darum zu scheren, was dieses Wesen, das da sitzt, hier und jetzt, tut? Geht es sie denn etwas an? Ha.

 

Aber wovon ist sonst auszugehen? Wovon soll sie selbst ausgehen, wenn nicht von diesem Ort aus, wo ich ist? Ja, das versucht sie sich auch schon seit sie denken kann einzureden. Oder nahezulegen. Naja, entweder sie wird es bald begreifen oder - keine Ahnung. Hohngelächter wabert dumpf im Orbit ihres verschlungenen Kopfes. Als ob es nichts anderes zu tun gäbe.

 

Alles, was sie tut, tut sie nun im Grunde von sich aus. Natürlich im Rahmen der üblichen Notwendigkeiten und so weiter. Sie sagt dazu auch und vor allem: künstlerische Freiheit. Was ihr wiederum sehr gut gefällt, aber vor allem als Utopie. Als Realität ist es offenbar ein wenig schwieriger. Als ob sie das nicht gewusst hätte. Aber sie hat keine Alternative gesehen. Auch liebt sie ja im Grunde das Abenteuer. Oder ist das auch wieder so eine Legende? Von wem gestrickt und erfunden? Aber spielt das eine Rolle?

 

Doch wohin nun mit dem Schreiben? Sie will ja keine Nabelschau. Sie will hinaus. Hinaus. Aber das wehende elende Wesen in ihr scheint sie in Ketten zu legen. und sie ums Verrecken nicht frei zu lassen. Scheint etwas von ihr zu wollen. Doch sie weiss nicht was. Hatte sie es nicht versucht? Mehr als genug? Und lange? Hatte sie nicht wirklich versucht, diesem Wesen beizukommen? Sich ihm anzunähern. Es anzuschauen.

 

Doch offenbar hatte es nicht funktioniert. Jedenfalls muss sie sich das nun fragen. Wo sie hier sitzt. Und nicht weiterweiss. Sie fühlt sich in Ketten gelegt. Aber sie weiss nicht genau von wem. Oder von was. Und schon gar nicht, was sie dagegen tun könnte.

 

Alles, was sie nun tut, tut sie, weil sie es will. Als ob das mit dem Willen eine so klare, einfache Sache sei. Natürlich ist es das nicht.

 

Aber wie weiter?

 

Was heisst erinnern?

 

Wenn sie nun, ohne sich zu erinnern, weiterschreitet, mit grossen Schritten, und fliegenden Armen. Wie wäre das? Als ob sie es nicht schon lange täte, wenn es ginge.

 

 

 

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