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Das Wort erinnern geht ihr langsam auf den Sack. Als ob alle wüssten, wovon sie sprechen. Als ob es nicht die normalste und die prekärste Sache auf der Welt wäre. Menschen erinnern sich. Und erinnern sich nicht. Und konstruieren fortwährend Zusammenhänge von sogenannt Erlebtem, wo es zuvor keine solche gegeben hat, und sagen, sie erinnern sich. Irgendetwas an diesem Allerweltswort bringt sie gerade sehr in Rage, sie schaut sich dabei zu, weiss aber nicht recht, was los ist.

 

 

Sie denkt, dass grundsätzlich die Hauptsache recht naheliegend sei. Dass eine Gegenwart ja schliesslich nie einfach so, quasi jungfräulich, aus dem reinen, unberührten Vakuum des Orbits fällt. Immer ist da ein Zuvor. Doch ist es nicht zu überschauen. Das Überschauen bleibt Illusion. Das Gegenwärtige ist angefüllt bis in die hintersten Ecken und Scharten mit Gewesenem, oder eigentlich müsste sie eher sagen: ist gemacht aus, nicht, ist angefüllt mit. Und doch hat sie ihr Leben lang immer gesagt: Ich muss mich um die Gegenwart kümmern. Was hat sie nur gemeint damit? Das fragt sie sich nun. Wo sie dort sitzt, in ihrer Kammer. Die sie Werkstatt nennt, wenn andere fragen, was sie nun tut.

 

 

Sie sagt Werkstatt. Es ist ein Wort, das sich gut sagen lässt. Und sie sagt es, um etwas zu sagen, um etwas Sinnhaftigkeit in diese ganze immense Ratlosigkeit zu pflanzen. Deshalb sagt sie Werkstatt, damit etwas gepflanzt sei, ein Wort, ein Baum, was auch immer, aber es soll nicht nichts sein.

 

 

Es soll wachsen. Was? Sie weiss es nicht. Sinn womöglich.

 

 

Sie schaut hinaus in den Himmel, den vom Fensterrahmen eingegrenzten Himmel, wobei nach links hin neben der eigenen Fassade, die gleich neben ihrem Fenster erkerhaft nach vorn springt, noch etwas Nachbarhaus zu sehen ist, eine rötliche Mauerfront, zwei Fenster, die sich übereinander, das obere zur Hälfte nach oben, das untere ein wenig nach unten angeschnitten, in ihrem linken Fensterflügel stapeln. Und eine Baumspitze, die ebenfalls knapp in die linke Fensterhälfte hineinragt, wenn sie einfach so, ohne sich zu recken, am Tisch sitzt und den Kopf leicht anhebt, um hinauszuschauen. Das Fenster liegt ein wenig erhöht. Der Himmel ist zurzeit gefleckt, hell- bis dunkelgrau, und in Bewegung. Eine Mücke kriecht die Scheibe empor, innen, draussen rauscht der Strassenverkehr. Eine Krähe fliegt nahe vorbei, quert das obere Drittel des Fensters, von rechts nach links. Von West nach Ost.

 

 

Erinnern, ha. Woran denn bitte schön, und woran aber nicht? Ihr Kopf füllt sich unmittelbar mit einem Haufen unübersichtlich durcheinandergeworfener Wörter, sie erkennt die Umrisse von Holocaust über Nationalgeschichte bis zu den letzten Sommerferien und – eben. Sie weiss, was sie denkt, würde es aber niemals sagen.

 

 

Sie schaut zum Spruch von I. Bachmann, den sie sich auf einen Zettel geschrieben hat und ans Fensterbrett geklebt, weil irgendetwas daran sie fesselte. Sie wusste es damals nicht recht oder vielleicht hätte sie es auch einfach nicht sagen wollen. «Hier ist eine Insel, und was willst du? Soll die Sonne das Messer ziehen und der Vulkan die Asche auf dein Haupt tun? Willst du nicht aufstehen und sehen, ob diese Hände zu gebrauchen sind? Oder willst du dir die Welt erlassen, und die stolze Gefangenschaft? Such’ nicht zu vergessen! Erinn’re dich! Und der dürre Gesang deiner Sehnsucht wird Fleisch!»

 

 

Wobei sie das Fleisch vom Ende anregend irritierend sinnlich findet, konkret. Und dass die Sonne das Messer ziehen und der Vulkan die Asche auf ein Haupt tun soll, das gefällt ihr, das Bild gefällt ihr, weil es so klarmacht, was sie sich ebenfalls die ganze Zeit vorsagt: Hopphopp aufgestanden! Aber wohin? Und wie? Und was heisst: Erinnere dich!?

 

 

Das bleibt ihr ein Rätsel. Wobei sie ja eine Ahnung hat. Aber sie weiss nicht, was sie von dieser Ahnung halten soll. Sie will aber keinesfalls sich die Welt erlassen, ist das nicht herrlich bizarr majestätisch gesprochen? Als ob man eine Königin sei, würdevoll vergrämt die Krone tragend, die Tore des Palastes hat man schliessen lassen, die Zugbrücken sind hochgezogen, der Blick am Mauerinnern gleitet ab, wohin?

 

Sich die Welt erlassen, nein!, sie will ja hinaus. Hinaus. Und schon trifft sie wieder das Grinsen des Hohns, der Verachtung, aus den Fugen steigend, sich niederlassend und Klage führend: Was tust du denn? für die Welt? Sag!

 

 

Am Himmel treiben vereinzelte fransende dunkelgraue Wolkenfetzen über das ruhige weissgraue Feld der dichten Wolkendecke. Es folgen laufend neue, sie gleiten von Ost nach West.

 

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