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Sie steht mitten im Wohnzimmer, steht dort wie ein unförmiges, anstössiges Ereignis. Ein ganz und gar unmögliches Sein. Sie steht dort und kann es nicht ändern. Sie hat kommen müssen, als die Nachricht ihres Bruders sie traf. Es hätte für sie keine andere Möglichkeit gegeben, als zu kommen. Und nun ist sie da. Steht zwischen den andern, die verteilt ebenfalls im Wohnzimmer sind, sitzen oder ebenfalls stehen, miteinander leise sprechen oder auch schweigen. Doch niemand sonst scheint unmöglich. Nur sie. Sie ist eine fleischgewordene Unmöglichkeit. Ein vollständig deplatziertes Sein. Ist sie das nicht schon immer gewesen, ist das hier nicht eine uralte Geschichte, die sich auf eigenartig obszöne Weise gerade wiederholt?, fragt sie sich wie von weitem, augenzwinkernd, auch das noch. Als ob sie gleichzeitig eine andere wäre, die zuschauen müsste, ständig, und erdulden, was die eine sich da an Kindsköpfigkeit so leistete. Ein dermassen verlorenes unförmiges Wesen.

Inna liegt mitten im Zimmer auf einem Spitalbett, sie ist gewaschen und zurechtgelegt, hat ein luftiges, weites kornblumenblaues Hemd an. Ihre Hände liegen übereinandergelegt, weiss auf der Decke, auch ihr Gesicht ist schon ganz käsern. Sie ist eindeutig tot. Heute Morgen in der Früh ist sie gestorben. Sie hat keinen Abschied mehr nehmen können, Inna wollte es nicht mehr. Ihre Gegenwart war ihr offenbar nicht mehr erträglich. Was sie ja verstand, tatsächlich. Es erstaunte sie jedenfalls nicht. Aber es tat doch weh. Oder tut es immer noch. Jetzt erst recht. Dermassen weh. Aber was genau? Was tut denn so weh? Und weshalb?, fragt es in ihr unaufhörlich, als ob es nicht reichte, dass es so war, als ob alles immer gleichzeitig begründet, erklärt, legitimiert werden müsste, bevor es überhaupt sein konnte. Als ob auch der Schmerz, oder dieser erst recht, zuerst eine vernünftige, plausible, nachvollziehbare Herleitung bräuchte, damit man ihn glauben konnte und sein Dasein akzeptieren. Sie tritt an Innas Bett, sieht sich zu, wie sich ihre eine Hand anhebt, um ganz sachte und vorsichtig über Innas Hände zu streichen, und spürt deren Kälte. Es schüttelt sie und sie hofft, es möge nach aussen nicht sichtbar sein.

Sie zwingt sich, noch einen Moment still zu stehen, am Bett, den Blick auf die liegenden Hände geheftet, nichts sehend, dann flüchtet sie auf den Balkon. Es wäre gut, eine Raucherin zu sein, denkt sie, dann könnte ich jetzt eine Zigarette anzünden, statt nur so blöd nach einem Taschentuch zu klauben. Immerhin habe ich eines, immerhin.

 

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