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Sie schaut in den leeren weissgrauen Himmel, sitzt an ihrem Tisch und fragt sich: Wohin? Wie um alles in der Welt (was meint sie mit alles und was heisst Welt?) ist zu schreiben? Sie schaut hinaus und lauscht dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos unten auf der Strasse. Das Rauschen kommt und geht, bald verebbt es, bald schwillt es an. Nun fliegt eine Krähe vorbei, quert den Fensterraum, von West nach Ost. Zuvor war es eine Möwe, doch sie flog höher und von Süd nach Nordwest. Beide mit kräftigen Flügelschlägen. Die Krähe sah sie deutlicher, die ausgefransten schwarzen Federn am Rande ihrer Flügel im Auf und Ab. Inwiefern waren sie ausgefranst?, fragt unweigerlich der schlaflose Zweifel.

 

Wenn sie sich jeden Moment, jeden kleinsten verdammten Moment, fragt, inwiefern das, was sie tut, zu rechtfertigen sei, inwiefern sie nicht ganz anderes, Besseres, Sinnvolleres tun müsste, statt zu tun, was sie tut. Was tut sie? Sie schreibt. Aber schreibt sie überhaupt? Darf sie dem überhaupt schreiben sagen? Ja, sie hat entschieden, dass sie dem so sagt. Sie wüsste kein anderes, kein besseres Verb dafür. Wenn sie sich also ständig in Grund und Boden zweifelt, dann kann die Forschungsarbeit nicht gelingen. Diese braucht Konzentration und Ruhe. Der Lärm in ihrem Kopf, diese ständigen giftigen Emissionen der Selbstzerfleischungsmaschinerie ersticken und vernebeln jedes genaue Hinschauen und Beschreiben. Das sagt sie sich und hält es fest. Aber nützt es? Nun, das ist vielleicht die falsche Frage.

 

Darf sie so schreiben, wie sie schreibt? Wer sollte das entscheiden? Worum geht es denn bei einem Text, einem literarischen? Aha, soso, literarisch, grinst es in ihr breit und fast genüsslich schon. Wenn sie eine Erzählung schreiben möchte, was zählt? Sie stiert auf den Bildschirm und versucht das durch die Zeilen wogende Gespött zu ignorieren. Schreiben ist eine ernsthafte Angelegenheit, man kann sich nicht dauernd auslachen dabei.

 

Der Gedanke scheint sie zu belustigen, sie fährt mit den Armen nach oben, dehnt sich, gähnt, lächelt leise, als ob die Erkenntnis tatsächlich eine sei, die vielleicht, wer weiss, Fuss fassen könnte. In den weitläufig verschlungenen Windungen ihres Kopfes. Ein Text muss als Einheit funktionieren. Im Moment des Textes geht es nur um sein poetisches Potenzial, um nichts sonst. Auch um keinerlei Fragen zu eventuellen Koinzidenzen zum Leben der Autorin. Gerade darum geht es nicht. Kann es nicht gehen. Auch wenn diese Fragen naheliegend und durchaus begreiflich sein können, so betrachtet sie sie doch als im Grunde ganz und gar irrelevant. Für das poetische Funktionieren des Textes. Natürlich. Ergo ist sie frei, ganz und gar frei, den Konturen des Menschlichen nachzuspüren, wo immer es ihr beliebt. Auszugehen hat sie ohnehin vom eigenen Erleben. Und sich so zu verhalten wie Ethnologen oder Soziologen das mitunter zu tun pflegen, wenn sie andere Subjekte zu Untersuchungsobjekten machen, aus Interesse, aus Neugierde, aus Ratlosigkeit, aus Alternativlosigkeit, weshalb auch immer, jedenfalls, sie tun es. Und studieren Insektenforschern gleich das Leben der Objekte ihrer Wahl. Studieren deren Bewegungsmuster, deren Kommunikationsformen, deren Ausdünstungen, deren Farbwechsel, deren Machtstrukturen, deren Interaktionen mit andern gleichen oder ungleichen Wesen, Objekten, Subjekten, beschreiben alles minutiös, was immer sie zu sehen und zu erkennen glauben. Zum Beispiel. Genauso wird sie es auch tun. Und scheiss drauf, ob das wen interessiert. Sie muss es tun, also was soll's. Sie kann sich nichts anderes vorstellen. Ob es nun ihr eigenes Leben, ein anderes, ein erfundenes sei, was spielt das für eine Rolle? Insofern es wirklich ist. Und also möglich. Fiktion ist es ohnehin, sobald es Text ist.

 

 

Offenbar ist es ihr wichtig, das so ausführlich darzulegen. Sie scheint wieder einmal um das Problem der Legitimation zu kreisen, nun ist es die des Schreibens. Und schliesslich ist das ungefähr gleichbedeutend mit derjenigen des Seins. So viel scheint ihr quasi als gegeben zu gelten.

 

Ihr eigenes Leben bedarf keiner Darstellung, da ist sie mit sich einig. Es genügt, dass sie es lebt, was immer sie damit meint. Aber sie hat nichts als den eigenen, möglichst geraden Blick. Und jede Menge Unerschrockenheit, möchte sie gern hinzufügen, wobei es da noch anderes hinzuzufügen gäbe, zum Beispiel Angst, aber sie belässt es nun dabei. Und denkt, dass wenn sie sich der eigenen Erinnerung und Wahrnehmung verweigert, sie wohl unfähig ist, sich auch nur das Naheliegendste vorzustellen.

 

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