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Das leise Trommeln des Regens auf das vorspringende Dach unter ihrem Fenster wird unregelmässiger, stoppt und setzt neu und heftig wieder ein. Es gibt kein Fortkommen, nur ein Weitergehen, hatte sie einmal gedacht. Da war sie noch jünger. Und dachte an ihre Schwester in Lausanne. Die zwar nicht mehr in Lausanne war, aber dennoch ihre Schwester in Lausanne blieb. Sie waren einmal zusammen mit der Bahn in die Berge gereist, sie hätte keine Namen mehr nennen können. Weder eines Berges noch von Dörfern noch irgendeines Flusses, den es aber tatsächlich gegeben hatte, erinnert sie sich, am Ende der Wanderung lief der Weg schier endlos einem Flusslauf entlang talabwärts, bis sie endlich in dem Dorf ankamen, wo sie wieder ins Postauto steigen konnten. Vielleicht waren sie im Wallis oder auch in den Berner Alpen. Sie hat wirklich keine Ahnung mehr, wobei es ja eigentlich auch keine Rolle mehr spielt. Ausser dass es bisweilen leichter scheint, die Unübersichtlichkeit des Gegenwärtigen auszuhalten, wenn das eine oder andere einen Namen hat. Zum Beispiel Kandersteg oder Lötschenpass oder Rhonegletscher oder der Vorderrhein.

 

Jedenfalls haben Namen die Eigenheit, Konkretes zu pflanzen, wo zuvor nur wildwüchsig wucherndes Kraut, Gestrüpp oder auch exotisch duftende Blumen wuchsen, noch nie gesehene, jedenfalls unbeschrieben. Wobei auch das Konkrete natürlich sich der Vorstellung anpasst, oder umgekehrt. Vielleicht auch unbesehen von Sinn oder Unsinn. Es gibt auch Namen von Krankheiten, zum Beispiel. Eigentlich gibt es für alles einen Namen, das irgendwann einmal als wirklich erkannt wurde. Oder ernannt wurde, möchte sie hinzufügen. Oder müsste sie eher Bezeichnung sagen? Vielleicht würde Wort schon reichen. Aus dem Formlosen gefischt und in die Festen von Buchstaben gefügt. Bezeichnet, also doch. Sie sieht unwillkürlich das beschriftete Kartonschild an der Zehe eines Fusses baumeln, der unter dem Leichentuch hervorguckt. Völlig unnötige Assoziation, schimpft es in ihr verächtlich. Aja? Seit wann fragen Assoziationen, ob sie wohl genehm seien?

 

Sie waren frühmorgens aufgebrochen und in Lausanne zum Bahnhof gerannt. Die Wohnung ihrer Schwester lag nicht weit vom Bahnhof entfernt, aber dennoch natürlich weit genug, dass man den Zug, wenn man auch die letzte Minute noch mit Hinundherrennen und Sachenzusammensuchen in der Wohnung verstreichen liess, schliesslich verpassen musste. Sie aber erwischten ihn noch. Wobei sie ihr extra tags zuvor gekauftes Bahnbillett auf dem Weg verlor, es musste ihr aus der leider nicht verschlossenen, äusseren Tasche des Rucksackes gefallen sein, was sie aber erst im Zug bemerkte. Ihre Schwester wurde verständlicherweise zuerst wütend und schaute sie grimmig an, dann kauften sie aber einfach beim Schaffner ein neues. Ihre Schwester war zwölf Jahre älter als sie, sie war damals vielleicht dreizehn, ihre Schwester also schon fünfundzwanzig. Weder das frühmorgendliche Gehetze mit dem Rennen zum Bahnhof noch der kurz aufflammende Zorn ihrer Schwester konnten dem Leuchten dieses Tages etwas anhaben. Alles war hell und voll von lachendem Blau, auch die völlig verschmutzte Toilette im Zug.

 

Ihre Schwester war den ganzen Tag über recht still, was ihr eigentlich gar nicht ähnlich sah. Aber ihr wollte es nicht recht auffallen, sie tat einfach so, als ob sie das ganz normal fände und überhaupt alles völlig in Ordnung sei. Sie hätte ja auch nicht gewusst, was sie hätte tun können. Ihre Schwester war ihr schliesslich in allem überlegen. Auch wenn sie schwieg, oder dann erst recht. Vielleicht auch einfach fremd, eine andere. Als ob sie auf zwei verschiedenen Planeten hausten. Und doch so nah. Wobei der Schwesterplanet ungleich prachtvoller und bewundernswerter war als der ihre und dessen Bahnen von immenser Weitläufigkeit. Sie mussten von der Postautostation schnell recht steil den Berg hinaufklettern auf einem schmalen, sich windenden Weg, wo sie gezwungen waren, hintereinander zu gehen, es wäre unmöglich gewesen, sich zum Beispiel an den Händen zu halten.

 

Aber es machte ihr nichts aus, wirklich. Sie sagte sich, dass das schon in Ordnung sei so und fühlte sich plötzlich an die Ziegen erinnert, die sie kürzlich in einem Film gesehen hatte, die immerzu irgendwo raufsteigen wollten, auf jeden Stein oder Felsen, den sie fanden. So leichtfüssig und unerschrocken. Und sie fühlte sich damals auf diesem steilen Weg genauso. Es war ein beschwingtes, ja heiteres Gefühl, erinnert sie sich mit leisem Lächeln. Sie hätte immer höher steigen wollen, höher und höher. Ihre Schwester ging hinter ihr und war still. Ab und zu schaute sie kurz zurück, um in ihr Gesicht zu sehen. Aber es war stets nach unten geneigt, dem Boden zu, vielleicht musste sie einfach aufpassen, wo sie hintrat. Sie kann sich nicht mehr daran erinnern, ob sie die Schwester wirklich gar nicht danach gefragt hatte, was denn los sei. Aber sie hat sich vielleicht wirklich nicht getraut, das könnte gut sein. Die Schwerkraft ihres kleinen Planeten schien ihr vielleicht einfach zu gross und nicht zu überwinden und die Bahnen des Schwesterplaneten ganz und gar unerreichbar. Es war keine leichtfüssige Stille. Aber offenbar gelang es ihr, das eine vom andern zu trennen.

 

Erst im Nachhinein hatte sie dann verstanden, dass offenbar auch auf dem Schwesterplaneten eine für sie bis dahin völlig unbekannte Schwerkraft herrschte, geherrscht hatte. Vielleicht ein halbes Jahr später klingelte eines Tages zu Hause, in einem grösseren Dorf im Kanton Zürich, das Telefon, sie hob den Hörer ab, weil sie wohl gerade am nächsten stand, sie meint sich zu erinnern, dass ihre Mutter später, nachher, aus dem Arbeitszimmer gelaufen kam, wo sie wohl irgendwelche Sachen für den Handarbeitsunterricht am Vorbereiten war, am Nähen, Stricken, Kleben, Weben, Ausschneiden, sie besass einen unermüdlichen Einfallsreichtum, ihre Mutter, was mögliche Lerngegenstände für ihre Schüler betraf, und dass Georg, der Mann ihrer Mutter, der nicht ihr Vater war, aus der Küche gelaufen kam und ihr Bruder mit weit aufgerissenen Augen die Treppe hochgelaufen kam, es musste schon etwas später gewesen sein, aber sie erinnert sich daran, als ob alle auf einmal wie bei einem Sternmarsch aus verschiedenen Richtungen herbeigelaufen seien, er war extra gekommen, er wohnte ja nicht mehr zu Hause, wie ihre Schwester ja auch nicht, aber er wohnte nicht so weit weg wie sie, nur in der Stadt ein paar Kilometer entfernt und brauchte deshalb nicht lange, bis er hier war, also zu Hause, also bei ihr und Mutter und so weiter, und sie deshalb wohl die Einzige war, die, als das Telefon klingelte, zufällig gerade im Wohnzimmer war, vielleicht sass sie ja auf dem Sofa, das gleich neben dem Telefon stand, wobei das Telefon ja eher gleich neben dem Sofa stand, auf einem niederen quadratischen Tischchen, und las ein Buch oder sie hatte Musik gehört, sie weiss es nicht mehr, sie kann sich nicht mehr daran erinnern, was sie getan hatte, was sie vorher getan hatte, bevor das Telefon klingelte, sie erinnert sich nur noch, wie sie den Hörer in der Hand hält und am anderen Ende jemand etwas von Polizei sagt, Police, französisch spricht, sie weiss nicht mehr, ob sie alles verstanden hat, wohl kaum, oder was sie alles verstanden hat, sie hat danach den Hörer weitergereicht, wohl Georg, kaum der Mutter, aber den einen Satz hat sie verstanden und nicht mehr vergessen: Elle a décidé, elle est morte. Wobei verstanden vielleicht ein etwas gewagter Ausdruck ist für diese darauf eintretende lähmungsartige Stille, in die sie diffundierte, die in sie eintrat, sich in ihr dehnte, ausdehnte, anschwoll, wie einer dieser Spritzschäume aus dem Baumarkt, mit denen man Fugen abdichtet. Sie erinnert sich vor allem noch an das Stehen mitten im Wohnzimmer und wie sich die andern, also ihr Bruder und Georg, um ihre Mutter versammelten, die nun auf dem Sofa sass. Sie sah sich von aussen, wie sie dort stand und dachte: Nein, ich bin nicht traurig, wie sollte ich auch, ich bin ja nicht vom selben Planeten. Und wie ihr die Stille der Schwester an jenem Tag, wo sie zusammen auf einen Berg stiegen, plötzlich wieder eingefallen war. Und dass der Tag doch für sie so leuchtend blau geblüht hatte, eigentlich bis zum Abend. Weil es für sie schlicht etwas vom Schönsten war, wenn ihre grosse, unvergleichliche Schwester sie mitnahm, irgendwohin.

 

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