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In der Nacht ist es dunkel. Sie ist wach. Schon seit gut zwei Stunden, es ist nun halb vier. Wobei diese Nacht und auch alle andern gar nicht dunkel sind, sondern hell erleuchtet, jedenfalls die Nacht vor ihren zwei Fenstern. Das Licht der Strassenlaternen, was sagt sie da, Laternen?, als ob da in Eisen gefasste Glasbehältnisse an den Drahtseilen über der Strasse baumeln würden, in deren Gehäuse Gas oder Petroleum oder Walöl oder weiss der Geier was verbrannt wird, um dem Menschen das Unterwegssein oder gar Arbeiten bei Dunkelheit zu erleichtern, aber gut, dann halt Strassenlampen zum Henker, jedenfalls leuchten sie die ganze Nacht. Und da sie abends weder Vorhänge zieht noch Jalousien herunterlässt noch Fensterläden schliesst, wird es auch in ihrem Zimmer nie dunkel. Nie richtig dunkel, natürlich ist es dunkler als am heiterhellen Mittag. Aber sie erkennt nicht nur die Hand vor dem Gesicht, sondern auch das Zeugs auf dem kleinen Tisch ein paar Meter entfernt, die zwei Bücher, das aufgerissene Paket Biscuits, die Tasse, ob sie leer ist?, die Ladestation für den Akku des Fotoapparats, das Sujet der Karte an der Wand, schemenhaft zwar, aber insgesamt unzweifelhaft, nunja, sie weiss ja auch, was sie zu sehen hat, sie kennt das Bild, hat es schon Tausende Male, Tausende?, jedenfalls oft, angeschaut, sie sieht, was sie ohnehin kennt. Wie sonst auch, denkt sie, ich sehe, was ich zu sehen erwarte und ohnehin kenne. Wie sollte auch etwas zu erkennen sein, was nach Form und Farbe gänzlich unbekannt ist? Aber zu sehen, also wahrzunehmen und im Grunde zu beschreiben, wäre es dennoch? Ja, vielleicht, räumt sie ein, aber vielleicht nur grundsätzlich, nur wenn ich keine Angst habe oder keine Eile oder sonst gerade ohnehin umgeben bin vom Nichts. Dann ist's mir unter Umständen möglich, zu sehen, was ich zu sehen nicht erwarte, weil ich die Beschränkungen meines Erwartens nicht unterschätze und deshalb augenzwinkernd mit dem Unerwarteten schon im Voraus schäkern kann, vielleicht nur andeutungsweise, aber doch latent erwartungsfroh.

Und wenn es dunkel ist?, zum Beispiel in der Nacht, ohne Licht, ohne Fenster?, was bleibt ihr dann zu sehen? Wenn der Zweifel klirrt? In den irrlichternen Windungen eines hadernden Kopfes.

In der Nacht ist es dunkel, bis der Morgen kommt.

Ganz offensichtlich braucht es die verschiedenen Wörter. Nacht, Tag, Morgen, Abend, Mittag, Mitternacht. Keines dieser Wörter wäre einfach durch eines der andern zu ersetzen. Sie kann nicht einfach die ganze Zeit Tag sagen. Oder Nacht. Auch ein unaufhörlicher Morgen ist schwer vorstellbar, immer in Erwartung des Kommenden, das doch nicht kommt. Und auf den Lofoten zum Beispiel?, wenn es im tiefsten Winter nicht mehr aufhört Nacht zu sein?, was dann? Braucht man dann das Wort Tag nicht mehr? Als ob man sich dann plötzlich ausschliesslich dem Schlaf widmen könnte und nicht angehalten sei, ungeachtet der fortdauernden Dunkelheit, das Tagewerk zu verrichten.

Wobei es doch immerhin noch das Mondlicht und das Licht der fernen, vielleicht schon lange erloschenen Sterne gibt, zumindest in den sogenannt klaren Nächten. Und den weissen Schnee, wer weiss. Und das Wissen darum, dass dieser ganze Zustand nicht von Dauer ist. Dass irgendwann die geneigte Erde auf ihrer Laufbahn um die Sonne wieder den Punkt erreicht hat, wo sich auch auf den Lofoten wieder die Sonne zeigt. Ob das hilft? In der tiefsten Nacht?

Einen Scheiss muss es helfen, denkt sie, aber gut, es schadet ja auch nicht, ein bisschen positiv und so weiter und sie denkt, man stelle sich vor, es gäbe plötzlich aus unerfindlichen und auch den gewieftesten Geistern verborgenen Gründen keinen Wechsel mehr zwischen Tag und Nacht, zwischen lofotischem Sommer und ebensolchem Winter, es käme kein Morgen mehr und auch kein Abend, es gäbe noch die Zeit, ein Jetzt, das schon wieder zum Vorher, welches kurz zuvor noch das Nachher, bevor es das Jetzt, immer und immer Jetzt, geworden ist, es gäbe sie noch, die Zeit, die mächtige Unbeteiligte, aber sie wäre nicht mehr zu erdauern durch das Warten auf den Abend und nicht durch das Warten auf den Morgen, sondern nur noch abzulesen am Drehen des Uhrzeigers, an den Ziffern auf dem Display, das Licht wäre immer das gleiche. Unveränderlich, unerbittlich, vielleicht eine Art Dämmerlicht, ein Schattenlicht, etwas akkurat Eingemittetes zwischen wolkenbedeckter Leermondnacht im dichten Tannenwald und leuchtend blauem Sonnentag in den weiten Schneefeldern einer mongolischen Hochebene. Es gäbe nur noch das eine und immer genau gleiche Licht. Ein Lichtzustand. Der, weder leuchtend noch dunkel, lichtjahreweit entfernt wäre von der Nacht, einer richtigen Nacht, wo die Erde sich der Sonne abwendet und nur noch mit Glück der kalte Mond Kunde gibt von deren Licht. Und man könnte sich vor dieser quälenden Lichthaftigkeit nur noch künstlich schützen, um zwischendurch die dringend benötigte Verdunkelung, die Ruhe, den Schlaf zu finden. Und in der freien oder wilden oder gezähmten oder kultivierten Natur müsste man abends, also zu einer bestimmten Uhrzeit, unter die Büsche kriechen oder sich in Höhlen zurückziehen oder mit Ästen bedecken, die aber vielleicht kahl sein würden, weil die Photosynthese es auch nicht ertrüge, dieses ewige Licht. Und gar nicht zu denken an all die Fledermäuse, die Eulen, die Wildschweine oder was da immer kreucht und fleucht und fliegt des Nachts, während die andern endlich schlafen. Sie merkt, dass sie da eine ganze Lawine losgetreten hat, wie ein Flügelschlag eines Schmetterlings oder schon eher wie der Ausbruch eines gewaltigen Supervulkans. Und auch die Jahreszeiten wären verschwunden, denn es würde auch nicht mehr wärmer oder kälter, der einheitliche und unabwendbare Lichtzustand ginge einher mit einem unveränderlichen und ebenso globalen Temperaturzustand, und zwar just zwischen den per Satellit einmal gemessenen minus 93,2 Grad Celsius auf dem Plateau der Ostantarktis und den plus 70,7 Grad Celsius in der Wüste Dascht-e Lut im iranischen Zagros-Gebirge, was eine Temperatur ergäbe von rund minus 11 Grad und etwas garstig erscheint auf den ersten Blick und auf den zweiten erst recht, so für die ganze Zeit und rund um die Erde.

Und die Worte Tag, Nacht, Abend, Morgen, Mittag, Mitternacht wären nur noch eine Erinnerung, zuerst der Grosseltern, dann der Vorvorderen, man wüsste mit der Zeit nicht mehr, wozu sie gut seien, und der Duden würde sie aus dem Bestand streichen.

Ja, natürlich, das ist alles lauter Schwachsinn. Unsinn. Sinnlos. Das ist ein Gerede wie von Sinnen. Eine ermüdende, ärgerliche Schwatzhaftigkeit. Ob sie wohl den Faden etwas verloren hat? Das geschieht ihr mitunter. Jedenfalls denkt sie, dass es nun, zum Glück, müsste sie jetzt ja hinzufügen, in der Nacht dunkel ist und im eigenen Innern offenbar die Nachtbeleuchtung nicht richtig funktioniert. Vielleicht ist der Brennstoff ausgegangen oder die Zündhölzchen oder die elektrische Leitung wurde sabotiert oder die Leuchtstoffröhre müsste erneuert werden oder sie kann den Schalter einfach nicht finden, im Dunkeln. Jedenfalls nützen ihr da auch die an langen Drahtseilen zwischen den Häusern und an hohen Stangen am Strassenrand angebrachten hell leuchtenden Lampen nichts, irgendwie scheinen diese nichts auszurichten gegen das Dunkel der Nacht, das klirrt im kalten Zweifel.

Aber das Wort Nacht, immerhin, scheint etwas zu beschreiben, was sie kennt.

 

 

 

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