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Sie steht am offenen Küchenfenster, die kalte Luft streicht ihr ruhig übers Gesicht, sie sieht all die Leute, die sich aufmachen, ihr Tagewerk zu vollbringen. Tagewerk vollbringen? Was ist denn das für ein blöd antiquierter Singsang? Aber ihr scheint es passend, tatsächlich, denn genau dieses getragene Pathos hockt wohl in ihrer Wahrnehmung. Kann sie nicht eliminieren. Dass die andern immer die seien, die so unentwegt zielstrebig, so unermüdlich und tapfer und so weiter. Die solchermassen unterwegs seien, um eben genau dies zu tun: ihr Tagewerk zu vollbringen. Und am Abend oder am Ende ihrer Tage oder irgendwann könnten sie dann sagen: Es ist vollbracht. Nun, nein, so weit würde sie natürlich nicht gehen, das zu behaupten, so verblendet ist sie denn doch nicht. Sie weiss doch um die garstige Witterung und dass vor allem Eindeutigkeit und Gewissheit Utopien sind, um die gerungen wird, allenthalben. Und keiner oder keine sicher ist vor dem Zweifel. Aber umso mehr oder nichtsdestoweniger wird sie zuverlässig von wehender Bewunderung erfasst beim Anblick der andern. Wie sie schreiten und kommen und gehen. Die Frau mit dem langen Mantel, hoch wiegt der Kopf im Rhythmus der Schritte, die Steinbergstrasse hinab Richtung Stadtinneres, ein Kind in umgekehrter Richtung an ihr vorbei, wahrscheinlich zur Schule, die gleich nebenan, es ist schwer beladen, trägt einen Koffer, einen Instrumentenkoffer wohl, eine leichte Tasche noch dazu und den Schulrucksack am Rücken, dann die Velofahrer, einer nach dem andern, die meisten von der Steinbergstrasse herkommend in die Huttenstrasse einbiegend Richtung Stadt. Allesamt gut eingepackt, es ist kalt draussen. Sie steht drinnen, am Küchenfenster. Und kann es ihnen nicht gleichtun. Ist vogelfrei und jeglicher unbestrittenen Aufgabe ledig. Wird nirgendwo erwartet.

 

Sie soll schreiben, will schreiben, aber glaubt es sich selbst nicht. Immer wieder nicht.

 

Den andern ist leicht zu glauben. Sie sieht ja nur ihre festgefügten Gestalten, die unwidersprochenen Umrisse, die mittigen Gesichter. Sie sieht sie, wie sie sich fortbewegen im Raum, von A nach B und so weiter, als ob alles klar sei und nicht der Zweifel Tag und Nacht an jedem ihrer Schritte frässe. Sie sieht ja nur von ferne auf die akkurat zusammengehaltenen Gesichter, die gut getarnten Münder und Augen, hinter Lippenstift, Bärten, Sonnenbrillen. Sie sieht ja nur, was sie auch sieht, wenn sie in den Spiegel schaut, eine feste, gut sichtbare Form, ein jemand, dessen Konturen so klar und einfach vom Übrigen zu unterscheiden sind, dessen Anwesenheit verstörend augenscheinlich ihr entgegenblickt.

 

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