Jetzt

Die Gegenwart ist klein wie ein unsichtbarer Punkt, sie ist kurz wie ein Wimpernschlag. Und sie ist gross wie ein horizontlos ausgedehnter Raum. Sie dauert so lang wie die Zeit selbst. 

 

Sie ist die einzige Anwesende. Doch durchscheinend wie eine hauchdünne Membran. Deren Vorhandensein sehr leicht vergessen geht.

 

Wenn sie der Vergangenheit das Exil verwehrt, was geschieht dann? Wenn sie, die alleinige Inhaberin der Deutungshoheit, sowohl über Vergangenes als auch über Zukünftiges, hochmütig oder reumütig, frischfröhlich oder tieftraurig, leichtsinnig oder nachdenklich proklamiert: Das will ich sehen und dies nicht. Mich interessiert Folgendes, aber jenes nicht. Ich glaube dies, aber sonst glaube ich nichts. Was geschieht dann?

 

Aber sie kann ja nicht anders, als sich fortwährend zu entscheiden, wohin sie blickt und läuft. Nur sie kann es tun, muss es also tun, muss handeln, denken, fühlen, sprechen.

 

Und sie wäre ja nicht, wenn diese grosse Schwester nicht gewesen wäre. Sie ergibt sich ja vollständig aus dem Vergangenen. Tut sie das? Was unterscheidet sie denn um Himmels willen noch von dieser grossen Abwesenden, wenn diese doch gleichzeitig in ihr ebenso anwesend ist? Wenn ihre Anwesenheit sich ganz und gar durch die Abwesenheit der andern konstituiert?

 

Schrumpft sie nicht unweigerlich zur Bedeutungslosigkeit angesichts dieser schieren Naturgewalt der Vergangenheit? Bleibt also nicht einfach diese ständig wachsende, ungeheure, unerhörte Minusstelle, dieses immense Vergessen, diese sagenhafte Verzerrung, die das Jetzt vom Zuvor unterscheidet?

 

Aber das Lebendige, ruft nun die Gegenwart, was ist mit der Bewegung? Wo ist der Punkt, von dem immer und immerzu die Bewegung ausgeht, wenn nicht im Hier und Jetzt? Alles Tun, alles Denken, Fühlen, Sprechen kann ja nur hier und jetzt stattfinden oder es ist nie gewesen. Wenn es irgendwann einmal gewesen sein soll, dann wird es sich ein Jetzt aussuchen müssen dafür. Ist das beunruhigend? Weshalb? Geht es denn um Aktionismus oder was? Aber worum geht es denn? Wo sind wir jetzt hier gelandet?

 

Sie dachte zuvor nur an diese verstörende Verschiebung die ganze Zeit. Dieses Jetzt, das doch noch gar nicht lange und doch immerzu. Das Nachdenken, gerade das Nachdenken, braucht diesen anwesenden, unerhört flüchtigen und zugleich fortwährenden Ort, dieses Jetzt, sonst kann es sich weder dem Gewesenen noch dem Möglichen aussetzen, zuwenden. 

 

Und jetzt?

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