Ruhe

 

Sie weiss nicht, wo beginnen. Die Sätze hausen zerfahren und zerfleddert in ihrem Leib und kauern sich unkenntlich in den Schatten der sie kreuzenden, in sie kriechenden Gegenwärtigkeiten: Menschen, Zeitungsartikel, Geschichten, Erzählungen, Gesichter in verschiedensten Verzerrungen. Sie lauscht atemlos. Schaut und das Anwesende brennt sich ihr durch die Netzhaut direkt aufs schlagende Herz. 

 

Das Anwesende ist immer ein Anderes. Sie hat nie teil daran. Muss offenbar fremd bleiben, sich selbst zuerst. Muss von der Bildfläche verschwinden, fortlaufend. Wie das Verschwinden verhindern? Da sie doch just genau schlicht nur diesen einen Ort hat und keinen anderen, von dem aus zu gehen, zu sehen, zu denken, zu begreifen ist – und zu schreiben. 

 

Diesen einen Ort, wo sie anwesend ins Jetzt finden könnte. Um etwas zu tun. Sie hat ja gar keine Wahl. Kann sich doch das Verschwinden unmöglich leisten. Tut sie es denn freiwillig? Wurde sie etwa gefragt? 

 

Aber sie ruft sich fortwährend zur Tat. Doch was genau soll sie tun? Die Welt retten? Eben. 

 

Weshalb begreift sie es nicht endlich? Weshalb umtanzt sie ihr Schreiben wie ein ängstlicher Vogel das spuckende Feuer? Weshalb bemüht sie zweifelhafte Metaphern? Findet der Zweifel sonst nicht genug Ausdruck? Weshalb schreibt sie nicht? Schreibt sie denn nicht? Was meint sie denn mit Schreiben? Wie soll sie an ihr Schreiben glauben, wenn sie sich ständig von der Bildfläche streicht? 

 

Eben. Also. Vorwärts. 

 

Das sagt sie sich zum wievielten Mal? Und wohin?

 

… wenn die zerfahrenen, zerfledderten, in den Schatten kauernden Sätze ihr nicht dauernd kreuz und quer auf dem Magen lägen, sich unaufhörlich auf völlig unübersichtliche Weise vermehrten, teilten, zuspitzten, auseinanderfielen, nur um hinter der nächsten Ecke wieder zueinander zu finden, aber unkenntlich und nie mehr dieselben, dann – ja was sollte dann sein? Eigenartigerweise glaubt sie nicht an Ruhe. Aber die Leere ist ein unmöglicher Zustand. 

 

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