MeToo. Was soll diese Klarheit, plötzlich. Als ob es nicht schon immer um ebendiese gegangen wäre. Als ob nicht auch unvermittelt gesprochen werden müsste. Als ob unvermittelt gesprochen werden könnte. Als ob immerzu nur vage von etwas so Elementarem gesprochen werden könnte. Als ob eine unverblümte Aussageweise etwas Elementares zerstören würde. Und als ob das nicht genau so wäre. Denn natürlich zerstört das Unverblümte das betörend wunderbar anzuschauende Blumengewächs, das sich eifrig und immerfort an allem hochrankt, was da an Unschönem sich zeigt. Unschönem? Weshalb noch immer schönreden durch hinterlistige Wortwahl? Ja, weshalb? Oder: Was meine ich mit Elementarem?

 

"Ich hätte ihn lieben wollen, bis gestern; heute war er tot", sagt die Protagonistin in "Die Überläuferin" von Monika Maron. Sie spricht von ihrem Vater. Tatsächlich, so war es mit meinem Vater. Ich hätte ihn lieben wollen, bis er starb, dann war er tot. Ich hätte ihn lieben wollen. Aber dann war er tot und ich schaute ihn an. Er war mir immer schon fremd gewesen. Er war einer, zu dem ich hätte gehören wollen, aber nicht gehörte. Aber zu dem zu gehören ich für elementar hielt. Absolut elementar. Ein Dilemma. Eine Kindheit lang und so fort. Das Dilemma konstituierte sich noch aus weiteren familiären Unüberschaubarkeiten, woraus immer resultierte: die Unzugehörigkeit. Aber gut. Dieser Mann, zu dem ich hätte gehören wollen, zu dem zu gehören mir nicht möglich war, schob mir seine Hand zwischen die Beine, immer und immer wieder. und der Schwanz? So viel an Unverblümtem. Ich habe nichts gegen floristische Augenweiden, aber sie sollen nicht immerfort die schwarzen Löcher überwuchern, die dann wohlig behaglich getarnt daliegen, auf dass man wieder und wieder hineinfalle, verschluckt werde vom schwarzen Schweigen. Und das stumme Schreien im Leib erstickt werde von der ganzen stupenden Wohlanständigkeit.

 

 

Denn es soll weitergegangen werden. Der Kopf hoch oben. Es sollen leichte, weite Schritte getan werden. Mit fliegenden Armen. Und dröhnendem Lachen.

 

 

 

 

Nein, ich schulde niemandem diese Konformität, die es in mir immerfort anstrebt und einfordert. Ich schulde niemandem dieses Genehmsein, das in mir mittels eines nie schlafenden Blicks - der mich ununterbrochen begutachtet, taxiert, massregelt, verhöhnt und verlacht - immerfort gemessen wird, ob es noch so sei, wie es sein sollte. Auch wenn niemand wüsste wie. Denn es geht wohl vor allem und immer nur um dies: Man darf die Vergewaltiger nicht verraten. Das darf man nie und vor allem unter keinen Umständen. Letzteres kann nicht überschätzt werden: Man darf es unter keinen Umständen, was heisst, dass man auf jeden Fall eher verrecken soll, immer und auf jeden Fall eher verrecken als verraten. Gut. Ich habe mir das auf eine Weise und in einem Mass verinnerlicht, wie es sich niemand vorstellen kann. Das muss sich ja auch niemand vorstellen. Aber ich, ich muss es mir vorstellen. Und ich muss die Konsequenzen daraus ziehen. Ich muss diese ungeheure Wut zulassen, hervorquellen lassen wie alten, uralten Eiter, der hervorquillt, und man weiss nicht, ob er jemals fertig sein wird, mit hervorquellen.

 

 

Das kann einem ein bisschen Angst einjagen. Bedenken suggerieren. Natürlich. Aber wer will denn schon so schnell klein beigeben?

 

 

 

 

 

Ich wollte eigentlich nicht mehr schreiben, dachte, es sei besser, dachte, es sei sicherer, sich nicht dauernd auf irgendwelche nichtgenehmen Äste hinauszulassen, damit man dann dort stünde und am Ende doch unvermeidbar nur mit dem Ende des Astes zusammen in die Tief fällt, unweigerlich. Wobei die Tiefe eine unbestimmte und nicht überschaubare ist. Nun gut, das tut hier eigentlich nichts zur Sache. Denn nun will ich ja schreiben, unbesehen von Konformitätsregeln, die es ganz sicher zu berücksichtigen gälte, wollte man sich denn an gewissen Orten bewegen. Aber gerade dies, nun ja, was soll ich sagen. Diese gewissen Orte, sie existieren auch ohne mich. Aber ich offenbar nicht mit ihnen. Es sind Orte der dauernden Selbstvergewisserung, der exzessiv betriebenen Selbstbestätigung, wobei man über Leichen geht, insofern sie nur einem selbst nicht angelastet werden, das natürlich auf keinen Fall, denn man tätowiert sich den Gutmenschen auf die Stirn, den alles umfassenden immerzu und ununterbrochen Verständnis zeigenden Menschen, damit man reingewaschen sei, fort und fort, wobei man sich im Übrigen und um den Rest foutiert, der da wäre: der Widerspruch, der überall und immer und a priori allem innewohnende Widerspruch, der lauernde, nie ruhende. Der imperative Zweifel am sich allzu geschmeidig Gebenden. Nun gut, soll ich nun doch endlich zu dem kommen, was ich sagen will. Nur, bin ich mir dessen so sicher? Ja und nein. Wie sollte es anders sein.

 

 

Ich muss schreiben, ich muss es tun, ich muss schreiben, weil es hört nicht auf. Es hört nicht auf, es hört nicht auf, Ich muss schreiben, ich kann nicht anders, ich muss etwas tun, und anderes ist offenbar nun nicht möglich. Denn es hört nicht auf, dort an gewisser Stelle in oder besser an meinem Leib, es schreit und weht und ist stumm und ist starr. Es hört nicht auf. Es poltert mit seinen stummen Schreien gegen die Wände meines Seins, das sich auf diesen Ort in meinem Leib zusammengezogen hat, auf diesen bestimmten Ort, an meinem Unterleib, der davon immer wieder heimgesucht wird, immer wieder, bisweilen sind die Abstände grösser, bisweilen will es einfach nicht aufhören. Jetzt hört es nicht auf und das Einzige, was mir einfällt, ist zu schreiben, weil schreiben ist ja wie schreien, es ist ja nur dieses b, das weggelassen schon Platz gibt für das, was wirklich sein soll, das Schreien. Dieses stumme, dieses über alle Massen stille Schreien, das gegen die Wände meines Leibs pocht, als ob damit alles getan sei, was getan sein kann, aber auszuhalten ist so was praktisch nicht, denn es nimmt alles ein, nichts mehr hat Platz daneben, es verleibt sich alles ein, es schleicht sich ein, überfällt einen und macht sich dann breit, als ob es schon immer da gewesen wäre. Es gibt nichts mehr sonst. Und immer flüstert’s in mir: Hör auf, tu nicht so blöd, hör auf, hör nicht auf diese eigenartig, abartigen Aufspielungen, sei vernünftig, sei nicht so dumm, so unerwachsen, besinne dich, hör nicht darauf, das geht dich alles nichts an, das hat ja nichts mit dir zu tun, mit niemandem hat es zu tun, du bist nicht betroffen, nein, natürlich bist du es nicht, du musst wegschauen, du darfst da nicht hinschauen, das vor allem und nie, das ist dir nicht angemessen, das darfst du nicht, du sollst wegschauen, du sollst nicht so blöd sein, so dumm. Aber es hört nicht auf, heute und zuvor, es kommt immer wieder, dieses alles einnehmende stumme Schreien, das starr und gefroren meinen Leib einholt, ihn einnimmt, keinen Raum mehr lässt daneben und bis in die letzte Zelle die Ohnmacht und das Entsetzen als alles dominierende Seinsweisen einlässt.

 

 

Es ist also nicht wahr, dass ich endlos stark bin. Es ist also nicht wahr, dass ich unkaputtbar bin, dass ich gefeit bin gegen jeglichen Schmerz, dass ich alles auf Distanz halten kann, dass es mich nie betrifft. Es ist also nicht wahr.

 

 

Es schreit und schreit und hört nicht auf, ich sollte wohl wütend werden, es wäre sicher gescheiter, ich würde endlich wütend, vielleicht, sicher oder eher, ich wünschte es mir, werde ich es auch, irgendwann, vielleicht schon morgen, bin es ja auch schon gewesen, kurze Zeit, dann kam sie mir wieder abhanden, ich konnte sie nicht halten, die Wut, sie war mir nicht gefügig, sie ging wieder, einfach so. Nun, nun schreit es einfach, stumm und still schreit es, aber laut, und starr ist alles. Ich kann mich nicht bewegen, kann nicht unter die Menschen, kann nur schreiben, weil schreiben ist wie schreien, es fehlt ja nur ein b, und das ist bestimmt nicht viel, ich kann nur schreiben, weil es ist wie schreien und weil die Finger auf den Tasten sich doch immer noch bewegen können, auch wenn sie es ohne Sinn und Verstand tun? Nein, ich glaube meinen Fingern, wie soll ich mich auch nicht auf sie verlassen, wo sie doch die Einzigen sind, die zu mir gehören und unbesehen der Unmöglichkeit zu sein doch immer noch weitermachen, sie machen weiter und weiter, obwohl es sonst nur das stumme, pochende Schreien gibt, das Erstarren bis ins letzte Glied, das Eingefrorensein bis in die hinterste Zelle. Es ist sonst nicht auszuhalten. Es gibt dafür auch keine sublimierten, gescheiten Buchstaben, keine Wörter. Obwohl ich ja grad einen Haufen davon produziere, wenn auch nicht gescheite, so doch einfach dies: Wörter. Man kann die Vergewaltiger nicht immerfort vor der Erinnerung schützen, vor meiner Erinnerung. Man kann auch die Nichtbetroffenen nicht dauernd umgarnen mit schönem Blumengewächs, damit nur ja keine Verunsicherung stattfinde, damit den trüben Blick nichts aufheitere. Oder umgekehrt.

 

Versucht habe ich es gewiss, das Fernhalten der Erinnerung, das Unterlassen des Behelligens allenthalben, immerhin das sei mir zugutezuhalten. Dass ich es versucht habe, mein Leben lang. Nur, was will ich nun damit sagen? Wovon möchte ich mich reinwaschen?

 

 

 

 

Ein Schlaufendrehen, ein scheinbar endloses Schlaufendrehen. Und nun? Das Schreien und Wehen immer wieder gross, heftig, alles einnehmend, der zum Wahnsinn treibende Schmerz oder ist es Ohnmacht, ist es nur bodenlose Verzweiflung, immerfort wiedererlebt, bis man es endlich fassen kann: dass es so war. Gut. Es war also so. Man kann das offenbar nicht einfach einmal erkennen und umgehend begreifen. Man muss es erleben und wiedererleben, ohne zu merken, dass man genau dies tut. Man denkt lange einfach, ja was wohl? Man spaltet, man spaltet und spaltet und gibt sich höllisch Mühe in der Präzision. Und, das ist ja die Hauptsache, man ist überzeugt, im Grunde nichts zu tun zu haben mit - eben. Man hat nichts damit zu tun. Nein, das ist das Erstaunliche, nein, für einen selbst ist es ganz und gar nicht erstaunlich, sondern ganz und gar normal: Man ist nicht betroffen, man hat nichts damit zu tun. Der ganze wilde, flutende Schmerz, die bodenlose Verzweiflung, die schwarze Ohnmacht, alles im Grunde im Nebenzimmer. Dort, wo man nicht ist.

 

Nun. Das Schlaufendrehen zeitigt Wirkung. Man fragt sich behutsam, aber ständig wiederholend: Hat es mit mir zu tun? Ja. Das ist die Antwort, die einem immer wieder einfällt. Und man ist geneigt, sie zunehmend nicht umgehend zu verwerfen. Der wilde, uferlose, schwarze Schmerz will kommen, oder ist es Wut? Nun gut. So ist es. Man wird nicht mehr so abgeneigt sein, hinzuschauen. Man wird zunehmend bereit sein, zu sehen. Nur. Nicht immer ist Behutsamkeit möglich, oh nein. Ganz und gar nicht. Es donnert und blitzt und hagelt und stürmt. Keine milde Brise weit und breit. Aber man wird wetterkundiger. Man lernt zu unterscheiden. Man lernt den Hohn zu erkennen. Man lernt durch das ganze monströse dichte Geflecht von Einflüsterungen hindurchzuschauen. Und zu sehen. Was man sieht, ist - schwarz. Aber dass es ist und nicht nichts ist, ist schon etwas.

 

 

 

 

Wenn das Schreien sich an den Zellwänden bricht, wenn es durch die Blutbahnen rast und nicht weiss, wo enden. Wenn das Schreien aus der Tiefe explodiert, aber haltmachen muss am stetigen Lächeln.

 

Wenn das Schreien sich am Nahen der Hände entlangwindet. Und stumm und starr sich zurück in den Rachen drängt, wo es weiter hinter das Sehen diffundiert, um lautlos auf immer zu verschwinden.

 

Wenn das Schreien sich pochend am zwinkernden Sein abarbeitet. Man weiss nicht wofür? Man weiss nicht weshalb? Als ob niemals das Wort sei. Und kein anderes.

 

Wenn das Schreien nicht still, aber stumm flutet und pocht. Und es kein Sein gibt, sonst.

 

Wenn das Schreien der Ohnmacht sich Bahn bricht.

 

Wenn das Schreien die heiter mittigen Lächeln - was dann?

 

Ach was. Was auch immer. Aber das Schreien, das pocht und nicht aufhört, nicht stillhält, nicht aufhört. Nein. Keine Weisheit. Kein erlösender Satz. Nur Wehen. Allenthalben. Rechtlos von mir aus. Was sollen diese Worte mich kümmern? Es hört nicht auf. Weshalb?

 

Sich breitmacht. Nichts mehr zusammenhält. Nicht klug. Nicht mittig. Nicht vernünftig. Nicht handlich. Kein Aufatmen.