24. November 2021
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Sie sitzt und schaut aus dem Fenster, das über ihrem Schreibtisch liegt, vielleicht eine Massstablänge darüber, durch das sie den Himmel sieht und ein wenig vom Nachbarhaus und der senfgelben Fassade ihres eigenen Wohnhauses. Sie sitzt an ihrem Pult und schaut hinaus und sieht die Schattierungen des Grau, wie sie ineinanderlaufen und sich sachte, fast unbemerkt bewegen und verändern und eine wogende Masse Weissgrauhelldunkel bilden, undurchdringlich. Ab und zu ein Vogel oder zwei, die den...
23. November 2021
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Sie steht am offenen Küchenfenster, die kalte Luft streicht ihr ruhig übers Gesicht, sie sieht all die Leute, die sich aufmachen, ihr Tagewerk zu vollbringen. Tagewerk vollbringen? Was ist denn das für ein blöd antiquierter Singsang? Aber ihr scheint es passend, tatsächlich, denn genau dieses getragene Pathos hockt wohl in ihrer Wahrnehmung. Kann sie nicht eliminieren. Dass die andern immer die seien, die so unentwegt zielstrebig, so unermüdlich und tapfer und so weiter. Die solchermassen...
04. November 2021
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«Genügt ein Satz denn, jemand zu versichern, um den es geschehen ist?», fragt sich die Ich-Erzählerin in Bachmanns «Malina». Sie hat zuvor sehnsüchtig, eine ganze Nacht, oder was von ihr übrig blieb, nachdem sie endlich bei Ivan war, diesen im Halbdunkel angeschaut, er schlief, und sie wartete auf einen Satz, der sie versicherte in der Welt. Sie hoffte, vielleicht einen gehört zu haben, aber sie wusste, dass es nicht stimmte. Sie hatte keinen gehört. Und wird vielleicht oder eher...
03. November 2021
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Das leise Trommeln des Regens auf das vorspringende Dach unter ihrem Fenster wird unregelmässiger, stoppt und setzt neu und heftig wieder ein. Es gibt kein Fortkommen, nur ein Weitergehen, hatte sie einmal gedacht. Da war sie noch jünger. Und dachte an ihre Schwester in Lausanne. Die zwar nicht mehr in Lausanne war, aber dennoch ihre Schwester in Lausanne blieb. Sie waren einmal zusammen mit der Bahn in die Berge gereist, sie hätte keine Namen mehr nennen können. Weder eines Berges noch von...
01. November 2021
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Sie schaut in den leeren weissgrauen Himmel, sitzt an ihrem Tisch und fragt sich: Wohin? Wie um alles in der Welt (was meint sie mit alles und was heisst Welt?) ist zu schreiben? Sie schaut hinaus und lauscht dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos unten auf der Strasse. Das Rauschen kommt und geht, bald verebbt es, bald schwillt es an. Nun fliegt eine Krähe vorbei, quert den Fensterraum, von West nach Ost. Zuvor war es eine Möwe, doch sie flog höher und von Süd nach Nordwest. Beide mit...
28. Oktober 2021
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Sie steht mitten im Wohnzimmer, steht dort wie ein unförmiges, anstössiges Ereignis. Ein ganz und gar unmögliches Sein. Sie steht dort und kann es nicht ändern. Sie hat kommen müssen, als die Nachricht ihres Bruders sie traf. Es hätte für sie keine andere Möglichkeit gegeben, als zu kommen. Und nun ist sie da. Steht zwischen den andern, die verteilt ebenfalls im Wohnzimmer sind, sitzen oder ebenfalls stehen, miteinander leise sprechen oder auch schweigen. Doch niemand sonst scheint...
13. Oktober 2021
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Das Wort erinnern geht ihr langsam auf den Sack. Als ob alle wüssten, wovon sie sprechen. Als ob es nicht die normalste und die prekärste Sache auf der Welt wäre. Menschen erinnern sich. Und erinnern sich nicht. Und konstruieren fortwährend Zusammenhänge von sogenannt Erlebtem, wo es zuvor keine solche gegeben hat, und sagen, sie erinnern sich. Irgendetwas an diesem Allerweltswort bringt sie gerade sehr in Rage, sie schaut sich dabei zu, weiss aber nicht recht, was los ist. Sie denkt, dass...
12. Oktober 2021
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Sie sitzt und weiss nicht weiter. Nun ist sie also hier gelandet. In diesem Zimmer, in dieser Kammer. Und muss sich selbst helfen. Als ob sie genau das nicht schon immer getan hätte. Oder zumindest darum bemüht gewesen wäre. Aber nun ist sie allein. Und zwar ganz konkret. Sie sitzt auf einem Stuhl an einem Tisch, umgeben von ein paar Wänden mit einer Türe. Sie kann jederzeit gehen. Aber niemand wird kommen. Niemand. Niemand wird etwas von ihr wollen. Jetzt. Heute. Natürlich ist es...
11. Oktober 2021
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Wohin soll sie nun fahren? Sie weiss es nicht. Muss sie es denn wissen? Sie muss ja nirgends hin. Als ob nicht ebendies unter anderem ein Problem sei. Das sich nun munter und unverfroren die Richtungsfrage zur Gelegenheit nimmt, sich hämisch ins Fäustchen zu grinsen. Genügt es nicht, dass sie auf dem Sattel sitzt und fährt? Für den Moment? Sie wäre froh, es würde genügen. Sehr froh. Viel wäre schon gewonnen damit. Sehr viel. Wenn man sie fragte, würde sie das auf jeden Fall behaupten,...
22. September 2021
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Es ist dieses eine Leben, das man hat. Man bildet sich viel darauf ein. Und hat ebenso viel Angst, um alles Mögliche. Aber eigentlich ist es einfach dies: dieses eine Leben. Nicht dass ich wüsste, was das nun bedeuten soll. Ich habe keine Ahnung. Manchmal streift mich zwar eine im Flug. Aha? Jedenfalls spielt es ums Verrecken keine Rolle, ob die andere denkt, was ich tue, sei schon richtig. Interessanter wäre es auf jeden Fall, zu wissen, was ich selbst darüber denke. Was denke ich? Ach,...