06. Juli 2022
Ruhe
Sie weiss nicht, wo beginnen. Die Sätze hausen zerfahren und zerfleddert in ihrem Leib und kauern sich unkenntlich in den Schatten der sie kreuzenden, in sie kriechenden Gegenwärtigkeiten: Menschen, Zeitungsartikel, Geschichten, Erzählungen, Gesichter in verschiedensten Verzerrungen. Sie lauscht atemlos. Schaut und das Anwesende brennt sich ihr durch die Netzhaut direkt aufs schlagende Herz. Das Anwesende ist immer ein Anderes. Sie hat nie teil daran. Muss offenbar fremd bleiben, sich selbst...
19. Januar 2022
Anfang
Mitten unter Menschen, die doch nur ein kleinster Teil aller auf dem Planten anwesenden und doch dermassen monströs in ihrer unbedingten Präsenz, bewegt sie sich fort auf dem Gehsteig, ziellos. Sie schaut in die Gesichter, versucht es zumindest verstohlen und mit kurzen, sich schnell wieder abwendenden Blicken. Versucht sie zu sehen, all diese vorbeieilenden Gestalten, die jede für sich ein ganzes Leben mit sich tragen. Nur sie verschwindet, kann offenbar diesen Gegenwärtigkeiten nichts...
12. Januar 2022
Jetzt
Die Gegenwart ist klein wie ein unsichtbarer Punkt, sie ist kurz wie ein Wimpernschlag. Und sie ist gross wie ein horizontlos ausgedehnter Raum. Sie dauert so lang wie die Zeit selbst. Sie ist die einzige Anwesende. Doch durchscheinend wie eine hauchdünne Membran. Deren Vorhandensein sehr leicht vergessen geht. Wenn sie der Vergangenheit das Exil verwehrt, was geschieht dann? Wenn sie, die alleinige Inhaberin der Deutungshoheit, sowohl über Vergangenes als auch über Zukünftiges, hochmütig...
07. Dezember 2021
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Sie hat sich die ganze Zeit wild entschlossen durch einen endlosen Sumpf gepflügt, sie ging offenbar davon aus, dass sie keine andere Wahl habe. Hatte sie keine? Sie weiss es nicht. Die Frage ist ja viel schwieriger, als die paar Silben würden vermuten lassen. Aber nun scheint sie diese Chose durchquert oder die Sache wohl eher einfach abgebrochen zu haben oder sie hat sich schlicht und einfach in ein anderes Land abgesetzt, sie versteht es auch nicht ganz genau. Jedenfalls steht sie nun in...
30. November 2021
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In der Nacht ist es dunkel. Sie ist wach. Schon seit gut zwei Stunden, es ist nun halb vier. Wobei diese Nacht und auch alle andern gar nicht dunkel sind, sondern hell erleuchtet, jedenfalls die Nacht vor ihren zwei Fenstern. Das Licht der Strassenlaternen, was sagt sie da, Laternen?, als ob da in Eisen gefasste Glasbehältnisse an den Drahtseilen über der Strasse baumeln würden, in deren Gehäuse Gas oder Petroleum oder Walöl oder weiss der Geier was verbrannt wird, um dem Menschen das...
24. November 2021
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Sie sitzt und schaut aus dem Fenster, das über ihrem Schreibtisch liegt, vielleicht eine Massstablänge darüber, durch das sie den Himmel sieht und ein wenig vom Nachbarhaus und der senfgelben Fassade ihres eigenen Wohnhauses. Sie sitzt an ihrem Pult und schaut hinaus und sieht die Schattierungen des Grau, wie sie ineinanderlaufen und sich sachte, fast unbemerkt bewegen und verändern und eine wogende Masse Weissgrauhelldunkel bilden, undurchdringlich. Ab und zu ein Vogel oder zwei, die den...
23. November 2021
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Sie steht am offenen Küchenfenster, die kalte Luft streicht ihr ruhig übers Gesicht, sie sieht all die Leute, die sich aufmachen, ihr Tagewerk zu vollbringen. Tagewerk vollbringen? Was ist denn das für ein blöd antiquierter Singsang? Aber ihr scheint es passend, tatsächlich, denn genau dieses getragene Pathos hockt wohl in ihrer Wahrnehmung. Kann sie nicht eliminieren. Dass die andern immer die seien, die so unentwegt zielstrebig, so unermüdlich und tapfer und so weiter. Die solchermassen...
04. November 2021
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«Genügt ein Satz denn, jemand zu versichern, um den es geschehen ist?», fragt sich die Ich-Erzählerin in Bachmanns «Malina». Sie hat zuvor sehnsüchtig, eine ganze Nacht, oder was von ihr übrig blieb, nachdem sie endlich bei Ivan war, diesen im Halbdunkel angeschaut, er schlief, und sie wartete auf einen Satz, der sie versicherte in der Welt. Sie hoffte, vielleicht einen gehört zu haben, aber sie wusste, dass es nicht stimmte. Sie hatte keinen gehört. Und wird vielleicht oder eher...
03. November 2021
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Das leise Trommeln des Regens auf das vorspringende Dach unter ihrem Fenster wird unregelmässiger, stoppt und setzt neu und heftig wieder ein. Es gibt kein Fortkommen, nur ein Weitergehen, hatte sie einmal gedacht. Da war sie noch jünger. Und dachte an ihre Schwester in Lausanne. Die zwar nicht mehr in Lausanne war, aber dennoch ihre Schwester in Lausanne blieb. Sie waren einmal zusammen mit der Bahn in die Berge gereist, sie hätte keine Namen mehr nennen können. Weder eines Berges noch von...
01. November 2021
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Sie schaut in den leeren weissgrauen Himmel, sitzt an ihrem Tisch und fragt sich: Wohin? Wie um alles in der Welt (was meint sie mit alles und was heisst Welt?) ist zu schreiben? Sie schaut hinaus und lauscht dem Rauschen der vorbeifahrenden Autos unten auf der Strasse. Das Rauschen kommt und geht, bald verebbt es, bald schwillt es an. Nun fliegt eine Krähe vorbei, quert den Fensterraum, von West nach Ost. Zuvor war es eine Möwe, doch sie flog höher und von Süd nach Nordwest. Beide mit...

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