Jetzt

Ist es so sicher, dass es immer ein Vorher gibt. Dem dann, danach, ein Nachher folgt. Das Jetzt nur immer dazwischengefügt. Leicht und praktisch aus Versehen.

Gesichter

Gesichter verschwinden. hinter Masken. was bleibt. ist die Geschwindigkeit beim Gehen.

Nacht

es ist Nacht. es regnet. es hat geregnet. nun regnet es nicht mehr. und es ist immer noch Nacht.

Tag zwei

Sie schleicht sich verstohlen zum Velo und dreht eine Runde durch anliegende Gebiete. Der Abstand zum Nächsten ist gewährt, sie wird nichts anfassen, nur den Lenker ihres Rads hält sie fest. 

Es ist Stosszeit, sechs Uhr abends, am Tag zwei der ausserordentlichen Lage, wo alle Beizen, Bars, Kinos, die meisten Läden, Buchläden, Museen, Theater, Bibliotheken, Universitäten, Schulen geschlossen haben. Fertig. Menschen sollen Abstand nehmen zueinander, Distanz schaffen, damit das Virus nicht von einem Rachen zum nächsten tröpfchenweise sich durch die Luft katapultiere. Einhalt muss geboten werden. Jetzt. So heisst es und so stimmt es natürlich auch. Eine nie gesehene Einigkeit herrscht allenthalben. Wer sozial ist, der zeigt das nun, indem sie zu Hause bleibt.

Tag vier

Sie sitzt zu Hause und fragt sich, wie diese Isolation nun zu nutzen sei. Sie muss sie doch irgendwie nutzen. Schreiben, kommentieren, kommunizieren, lesen, sich informieren, sich nützlich machen. Sich um Himmels willen irgendwie nützlich machen. Ahasoso. In ihrem Kopf grinst es hämisch und man fragt sich: Nützlich? Oder die Angst wovor? Diese ständige Verzettelung in der Abgeschiedenheit ist enorm.

Tag sechs

Was wenn ein Wort. Aus der Tiefe gestemmt, hervorgeangelt aus dem Irgendwo. Geschleust durch unwirtliches Gefilde, vorbeigezerrt an lauter Geröll, das da reihum lagert, keine weiss Genaueres. Hindurch durch garstiges Wetter, giftigen Wind, der in die Silben gefahren, an den Buchstaben gerüttelt. Die ohnehin schon prekär zusammengefügt nun drohen auseinanderzufallen und oben und unten bös zerfleddert, die Serifen futsch. Und doch steht es nun da. Und wartet. Ob da noch eins kommt.

Sie sitzt am Tisch und liest Zahlen. Sie werden immer grösser. Was ist da nur über uns hereingebrochen, denkt sie und: ich sah einen Menschen vorbeigehen. Es ist noch nicht lange her.

Tag elf

Und die ganze Zeit diese Diskrepanz. In alle Richtungen. Die eine Präsenz und die andere. Unmöglich zu vereinen. Zum Beispiel die Präsenz, also die Gegenwärtigkeit, dieses Gefühl des Jetztgeschiehtkrasses oder Wirdjetztwasallesanders (nicht dass man nicht Freude am Spektakel hätte, aber dieser nonchalante Ton ist nun also wirklich fehl am Platz), dieses von so einem unbestimmten, doch ultimativen Pathos aufgeladene Wissen um unmittelbar (quasi vor der Nase, aber wohin schaut sie, meine Nase?) geschehende Geschichte (die man doch überhaupt und bei weitem nicht fassen kann, aber die Ahnung genügt für die Erschütterung vollkommen), also diese vermittelte, also mediale Präsenz der gerade global (weltumspannend, wohin man auch blickt, Südafrika, Island, Buenos Aires, von den Lofoten weiss ich es jetzt nicht, China, Paris, Neapel, New York und so weiter) sich abspielenden coronalen Krise (zum Glück, das Wort Krise zumindest musste man nicht neu erfinden). Gut, also die Diskrepanz zwischen dieser medialen Krisen-Präsenz und gleichzeitig die analoge Präsenz des eigenen Selbst, akkurat versorgt am Pult in den vier Wänden des eigenen Zimmers, bemüht auch dem Teil Office im Wort Homeoffice gerecht zu werden.

Nicht dass diese Diskrepanz grundsätzlich etwas Neues gewesen wäre. Schon immer war sie sehr präsent. Die üblichen lokalen und weltweiten Krisen genügten für gewöhnlich vollkommen, sie virulent zu machen, also ständig lebendig handlungs- und deutungshintertreibend ihren Kopf verrückten.

 

Und ob man nicht das Social Distancing eventuell auch ein bisschen digital betreiben könnte?, fragt sie sich. Aber soll sie doch selbst schauen.

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Wenn also das Private sich immer mehr auflöst, weil die digitalen Spuren desselben eine potenziell jederzeit zu konstituierende Öffentlichkeit bilden, die zwar konzeptlos, aber nicht algorithmenlos sich all diejenigen einverleibt, die da sind, ohne sich den Null-Einsen mit Absicht und Konzept entgegenzustemmen, dann sagt uns das per se ja eigentlich noch nicht viel darüber, wie es weitergehen soll. Zum Beispiel.

 

Also unter anderem die Fragen: Was ist privat? Gibt es das schon seit immer? Was ist öffentlich? Wer bin ich? Wo bin ich am meisten? Muss ich sein? Wenn ja, gibt es ein Wie?

 

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Kontrolle. Also Macht. Ein Ewigkeitsthema auf dieser Welt. (Entweder Welt oder Ewigkeit. Würde man denken.) Und was wären dann die Fragen dazu? Wofür Macht? Weshalb?

 

Wenn die Null-Einsen mich zunehmend vermessen, was geschieht dann mit mir?

 

 

 

schwarz

glüht

 

das Zerren des Abgrunds

 

 

 

 

Vogelfrei

Vogelfrei vor den Mauern der Stadt. Es kreisen die Krähen, es äugen die Geier. Vogelfrei auch sie. Oder die leicht und licht flink fliegende Schwalbe. Ob sie schon wieder unterwegs?

 

Elegie

Sie starb an einem frühen Montagmorgen. Den Strick um ihren Hals hatte sie selbst geknüpft. Sie war allein. Niemand hinderte sie daran, zu tun, was sie tun wollte. Gut, über den Begriff wollen kann man streiten. Wollte sie wirklich tun, was sie tat? Hätte sie nicht lieber anderes gewollt? Wenn sie das Wollen hätte wählen können? Wenn sie gefragt worden wäre? Fragte denn niemand? Oder weshalb dann dieses Ende? Aber genug gefragt. Sie starb. Weil sie das Leben nicht mehr ertrug. Der Abgrund zerrte an ihr. Und irgendwann konnte sie nicht mehr widerstehen. Da war kein Boden mehr für sie, um sich breitbeinig gegen die Schwärze zu stemmen. Da war kein Halten mehr. Nichts.

Sie hatte gerne gelebt. Zwischendurch. Es gab eine Zeit, da war sie voller Lachen, manchmal. Doch die Schwärze kroch in sie. Nein, was sage ich, die Schwärze war schon immer in ihr. Nein, auch das ist falsch. Die Schwärze wurde ihr einverleibt. Damit sie still sei. Damit sie sich nicht erinnere. Damit die Verachtung sie von den Rändern her und von innen zerfresse. Und sie nicht wisse, wie diese ganze Verzweiflung zu stoppen wäre. Die Hände ihres Vaters und sein Lächeln brachten es ihr bei. Das Weitere bleibe unerwähnt. Und sie sagte immer: Danke. Sie wusste, dass dies dazugehörte. Damit man einen Platz habe. Die Familie lebte heiter wohlbehütet inmitten stupender Wohlanständigkeit. Nichts war, wie es schien. Für niemanden. Sie wuchs heran. Und sagte: Danke. Doch irgendwann hörte sie damit auf. Und ging. Sie gab sich hin, dem Leben. Sie war keine, die das Mittelmass suchte. Sie wollte immer alles. Oder nichts. Wobei sie jeweils das eine oder das andere zu haben glaubte. Was ihr je nachdem Leichtigkeit und Glück bescherte oder aber Schwere und Verzweiflung. Doch sie war unglaublich stark. Und stur.

 

Doch wie gesagt, irgendwann war es genug. Ich habe sie geliebt. Und sie ist gegangen. An einem frühen Montagmorgen. Allein.

 

Danksagung

Es war einmal ein weiter Weg zu gehen. Man wurde nicht gefragt. Aber losgeschickt. Hinausgeworfen, damit man laufe. Man war sofort und bei allen möglichen Gelegenheiten überaus dankbar. Für alles.

Man zeigte sich immer und unentwegt tiefgreifend dankbar. Ohne Rücksicht wofür. Fürs Zähneputzen und Hinterabwischen. Danke. Fürs Herumtragen und Hinsetzen. Danke. Fürs Anlächeln und Hintertreiben. Danke. Fürs Insbettgebrachtwerden und Amtischplatznehmendürfen. Danke. Fürs Ricolazältliauspacken. Danke. Fürs Handanlegen, wo keine Hände hingehört hätten. Danke. Oh herrliches Leben. Oh wunderbare Freude. So viel Gutes auf Schritt und Tritt. So viel herrliche Verwirrung. Danke. Wohin mit dem Blick? Immer geradeaus. Nur nicht abkommen. Vom rechten Weg. Danke. So viel klirrende Wärme. Auch das Innerste erstarrt. Danke. Man verschluckt sich am hellen Lachen. So viel Sonnenschein. Geblendet sucht man Konturen durch zusammengekniffene Lider. Danke. So viel Dankbarkeit. Immer auf der Hut sein. Damit man nicht verrecke. Stummheit. So viel Freude. Kaum zu ertragen. So viel eitle Freude. Kein Wort der Zwietracht. Nur heller Sonnenschein. Immer. Danke. Man stolpert über die Lächeln auf Schritt und Tritt. Immer wird irgendwo gelächelt. Danke.